Früher wußten es nur die anderen, heute weiß ich es selbst:
Ich bin Alkoholiker.
Ich habe mich entschieden, grundsätzlich offen mit meinem Alkoholismus umzugehen. Ich hebe ihn nicht besonders hervor, verstecke ihn aber auch nicht. Ich schneide das Thema Alkohol nur an, wenn ich darauf angesprochen werde. Im Laufe der Zeit ist mein Alkoholismus zu einem wichtigen Aspekt in meinem Leben geworden. Er gehört einfach zu mir. Ich bin froh, dass ich weiß, dass ich Alkoholiker bin, denn früher wussten es nur die anderen.
Ich halte das Risiko für erheblich größer, wenn ich meine Sucht verheimliche, denn dann lebe ich in verschiedenen Welten: privat, beruflich und in der Freizeit, denn überall muss ich mich anders geben – lügen. Die erste Lüge bezüglich Alkohol ist der Anfang eines Rückfalls. Ich bin froh, dass ich es wenigstens beim Alkohol schaffe, ehrlich zu mir selbst zu sein. Eine weitere wichtige Erfahrung ist für mich: Wer sich anderen mitteilt, kann mit positiven Reaktionen rechnen. Ich habe mit meiner Offenheit eher Bewunderung als Ablehnung erfahren. Das tut gut, denn im hintersten Stübchen meines Selbst glaubt immer noch ein Teil von mir, dass es keine Krankheit ist, sondern ich selbst Schuld an meinem Suchtverhalten habe. Meine innere Zufriedenheit wächst, je mehr ich mich traue, meine geheimen Verstecke zu verlassen und zu meinem „Defekt“ zu stehen. „Sei du selbst, dann bist du gut“ – lautet mein Motto. Ich möchte als Betroffener zur Aufklärung unseres Krankheitsbildes beitragen, deshalb biete ich mich durch meine Offenheit als Ansprechpartner für alle an, die es möchten.
Die Gesellschaft ist beschämend uninformiert über Sucht. Sie geht davon aus, dass Alkoholismus ein Zeichen von Schwäche und fehlender Selbstbeherrschung ist. Selbst viele Alkoholiker sind davon überzeugt, schlechte Menschen zu sein, statt zu begreifen, dass sie Kranke sind, die gesund werden können. Kaum ein Mensch will ernsthaft etwas über Alkohol hören, obwohl Alkoholismus fast täglich in unserem Familien- oder Bekanntenkreis vorkommt. Das Problem wird im wahrsten Sinne des Wortes tot geschwiegen. Wir, BIN - Gruppenteilnehmer können dazu beitragen, dass wir selbst und andere Betroffene zu einem glücklicheren Leben finden.
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